Gorleben Rundschau: Karriere eines Buchstabens

bi umweltschutz castor antiatom

Symbolik Das auffällige Zeichen steht im Wendland in vielen Vorgärten, wippt an unzähligen Autorückspiegeln. Es prangt auf Plakaten, und nahe dem Dannenberger Marktplatz gibt es sogar ein offizielles Denkmal des Widerstands: zwei gekreuzte Bahnschienen. Dabei wäre das Mitte der Achtzigerjahre eher zufällig gewählte X fast eine Totgeburt gewesen. Andreas Conradt erklärt, wie’s anders kam.

Das Plakat zur Protestaktion gegen den ersten Fasstransport mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall im Jahr 1985 zierte ein großes gelbes X auf schwarzem Grund. In die Schenkel des X war ein Foto montiert, das eine Straßenblockade zeigte. Damit galt das Plakat der Staatsanwaltschaft als Aufruf zur Gewalt und wurde beschlagnahmt. Man hoffte, den Widerstand mundtot machen zu können – und erreichte doch das genaue Gegenteil. Denn als Reaktion auf die staatliche Willkür signierte Joseph Beuys als Mitbegründer der Grünen und Atomkraft- und Gorlebengegner das Plakat mit der zur Legende gewordenen Aufschrift: „Menschengemässe Kunst muss 1. die Zerstörung des Menschengemässen verhindern, 2. das Menschengemässe aufbauen. Nur das ist KUNST und sonst gar nichts.“ Durch Beuys‘ Aufschrift galt das Plakat nun selbst als Kunst und konnte nicht mehr verboten werden.

Nach den Fasstransporten kam es im April 1995 schließlich zum ersten Castortransport ins Wendland – das war der Tag X. Die folgenden Transporttage hießen folgerichtig Tag X2, Tag X3. Müde von der höheren Mathematik, war danach aber wieder das einfache X angesagt.

Der Buchstabe stellte sich als perfektes Zeichen für den wendländischen Widerstand heraus. Es hatte durch den amerikanischen Menschenrechtsaktivisten Malcom X bereits eine Geschichte, symbolisiert Blockaden und wird auch international verstanden. In Japan zum Beispiel bedeuten gekreuzte Unterarme oder Finger „Nein“.
Dabei ist das X nie als Logo einer bestimmten Organisation missbraucht worden, sondern dient seit 30 Jahren allen Widerstandsgruppen als Symbol ihres gemeinsamen Anliegens. Auch große NGOs wie Campact und Greenpeace nutzen das gelbe X, um auf die Gorleben-Problematik aufmerksam zu machen. Und nicht zuletzt hat das gelbe Castor-X andere Widerstandsgruppen inspiriert: Die ASSE-Gegner entwickelten ein gelbes A, Gegner der CO2-Verpressung in Sachsen-Anhalt nutzen ein rotes X, ein gelbes Y steht gegen eine Bahntrasse in der Lüneburger Heide.

Und dann gibt es da im Wendland noch diesen Cartoon: Ein Bauer und eine Bäuerin treffen sich, beide haben einen Strohballen dabei: „Tach Hein!“ „Tach Gerda!“ Im folgenden Bild sitzen beide auf den Strohballen und blockieren die Straße. Darüber steht geschrieben: „Tach X!“

Quelle: Gorleben-Rundschau Mai/Juni 2015

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