Gorleben Rundschau: Wider das Verdrängen

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Endlagerung Lässt sich Sicherheit für eine Million Jahre beweisen? Sind Endlager für hochradioaktiven Atommüll machbar? Den Filmregisseur Edgar Hagen (Die Reise zum sichersten Ort der Erde) lassen diese Fragen ohnmächtig zurück. In der Gorleben Rundschau philosophiert er darüber, wie es möglich ist, aus dieser Ohnmacht wieder herauszukommen.

Ich für mich ganz persönlich habe kein besonderes Sicherheitsbedürfnis. Das Leben ist eine unsichere Angelegenheit. Ich weiß, dass es mich in jedem Moment kalt erwischen kann. Mit diesem Wissen habe ich durch alle Untiefen hindurch bisher gut gelebt. Es ist ein Spiel mit Anfang und Ende, von dem ich nicht genau weiß, wie es verlaufen wird. Aber darum geht es hier nicht.

Um ein sorgloses, unbeschwertes, vielleicht auch gedankenloses Leben in unserer Gegenwart zu führen, haben meine und die vorhergehende Generation rund um die Welt hunderttausende von Tonnen eines Stoffs produziert, der nun für tausende von Generationen sicher entsorgt werden muss: hochradioaktiven Atommüll. Gelingt die sichere Entsorgung nicht, dann nehmen wir diesen vielen tausend kommenden Generationen den Lebensraum. Wir verseuchen ihnen das Wasser. Wir jagen sie in die Flucht. Wir verbreiten einen Stoff, der tausenden von nachkommenden Generationen das Leben zur Hölle machen kann. Niemand kann das natürlich ernsthaft wollen. Deshalb versuchen wir, den hochradioaktiven Atommüll unter Kontrolle zu halten, heute und in aller Ewigkeit. Das Zauberwort heißt „Endlager“. Es ist der Ort, an dem wir die zutiefst aus unserem Bewusstsein und unserem Blickfeld verdrängten Abfälle hintun wollen. Wir wollen uns damit aus unserer Schuld gegenüber den tausenden von nachfolgenden Generationen befreien. Die Frage ist bloß: Geht das? Und wenn ja, dann wo?

Tief unter der Erde soll der hochradioaktive Atommüll für eine Million Jahre sicher endgelagert werden. Rund um die Welt gibt es Ideen, wo das geschehen soll. Aber bei näherer Betrachtung haben sich die meisten dieser Ideen wieder in Luft aufgelöst. „Sicher“ würde heißen, dass er dort bleibt, wo wir ihn hintun werden. Dass er nicht zurückkommt in Form von verseuchtem Wasser. Möchte ich ein solches Endlager vor meiner Tür haben? Oder sogar unter meinem Haus, wie das in der dicht besiedelten Schweiz an einigen Orten angedacht ist? Wahrscheinlich nicht. Aber ehrlicherweise muss ich auch sagen, ich werde das eh nicht mehr erleben. Deshalb geht es in der ganzen Frage gar nicht um mich, es geht um die Zukunft, um unsere Kinder und Kindeskinder… Ich habe schon mein ganzes Leben über Atomkraftwerke vor meiner Nase. Die Chance, dass noch zu meinen Lebzeiten eines dieser Atomkraftwerke hochgehen wird und ich in die Flucht getrieben werde, ist real. Das Endlager ist auch nicht weit von meinem Wohnort geplant, aber höchstwahrscheinlich werde ich es in meinem Leben nicht mehr sehen.

Grund dafür ist, dass sich seit Mitte der Siebzigerjahre – nicht nur in Deutschland sondern auch in vielen anderen Ländern – heftiger Widerstand gegen Endlager formiert hat. Wo die Endlagersucher im Auftrag der Atomindustrie und des Staates auch auftauchen, stoßen sie auf heftige Ablehnung der Bevölkerung. Es wurden auf der ganzen Welt schon so viele Orte als Endlagerstandorte in Betracht gezogen, dass es mir so vorkommt, als sei inzwischen jeder Ort endlagerverdächtig – von der abgelegenen Insel auf den Philippinen bis zum schwäbischen Bauerndorf. Immer wenn ein solcher Ort als Option für ein Endlager auftaucht, wird von „Sicherheit“ gesprochen. „Hier“, heißt es dann im Brustton der Überzeugung, „lässt sich ein sicheres Endlager realisieren.“ Was aber heißt das im besten Fall?

Die Dreharbeiten zu meinem Film Die Reise zum sichersten Ort der Erde, haben mich um die ganze Welt geführt. Ich wollte dieser Frage durch eigene Anschauung auf die Schliche kommen. Gegen Ende der Dreharbeiten bin ich zusammen mit dem Direktor des chinesischen hochradioaktiven Endlagerprogramms, Ju Wang, in der Wüste Gobi gelandet, am Ort, wo die Chinesen gerne zehntausende von Tonnen hochradioaktiven Atommülls vergraben würden. Ein paar Bauwagen von Ju Wangs Technikern und Forschern stehen in einer unendlichen Steinwüste, bevölkert von ein paar Kamelen und einer Nomadenfamilie. In einem Gebiet von vielen hundert Quadratkilometern sind dort von einem möglichen hochradioaktiven Endlager im Moment nur ein paar kleine Metalldeckel zu sehen, die Bohrlöcher in den Untergrund abdecken. Ju Wang hat mir dort in bemerkenswert offener Weise in die Kamera gesagt: „Der hochradioaktive Abfall ist der gefährlichste Abfall überhaupt. Er enthält Radionuklide mit sehr langen Halbwertszeiten. Sie zerfallen über Millionen Jahre, zum Beispiel Neptunium, Plutonium, oder einige andere Radionuklide. Ein solches Endlager sollte für so lange Zeiträume sicher sein. Doch es ist schwer vorauszusagen, wie sich diese Radionuklide in Zukunft verhalten werden. Wir Menschen haben systematische Studien gemacht, aber in sehr kurzer Zeit für sehr lange Zeiträume. Es ist nicht leicht, die Zukunft vorauszusagen.“

Was also als Sicherheit behauptet wird, sind nicht mehr als Modelle auf der Basis recht dünner Informationen angesichts der Zeiträume, um die es hier geht. Die Sicherheit, von der wir hier sprechen, hat eine religiöse Dimension. Wir könnten zwar daran glauben, dass Endlager sicher sind, dann wären wir das Problem los. Der Glaube würde uns helfen, uns von der Schuld, von dem Verdrängten zu befreien – zumindest zu unseren Lebzeiten. Was danach kommt, werden wir eh nicht mehr selber erfahren. So habe ich auf meiner Reise zum sichersten Ort der Erde natürlich auch Menschen getroffen, die ein Endlager unbedingt haben wollen. Der Exemplarischste unter ihnen ist der ehemalige Bürgermeister von Carlsbad im US-Staat New Mexico. Bob Forrest glaubt mit jeder Pore seines Körpers an die Sicherheit eines Endlagers. Der Profit, den er aus diesem Glauben zieht, sind Millionen von Dollars, die in seine Stadtkasse fließen. Sicherheit bedeutet für ihn Wohlstand. Aber er meint seinen Wohlstand und vielleicht noch den seiner Kinder. Weiter geht das nicht. Doch das ist nicht genug. Das reicht nicht. In der Frage der Sicherheit von Endlagern geht es nicht um mich. Es geht um viel mehr, um unsere Zukunft.

Es bleibt uns deshalb wohl nichts anderes übrig, als uns damit anzufreunden, dass wir den hochradioaktiven Atommüll nicht auf einen Schlag in einem „sicheren“ Endlager entsorgen und damit auch verdrängen werden können. Im Gegenteil: Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass wir uns noch sehr lange mit dem Stoff werden beschäftigen müssen. Weil es diese Art von Sicherheit nicht gibt, werden wir den hochradioaktiven Atommüll auf dem schnellen Weg nicht loswerden. Indem wir uns aber damit beschäftigen und uns für das Verdrängte interessieren, werden wir Sicherheit gewinnen und uns aus der Ohnmacht befreien. Es gibt keinen anderen Weg, „Sicherheit“ zu gewinnen, als uns all den Widersprüchen zu stellen, denen ich auch auf der Reise zum sichersten Ort der Erde begegnet bin. Sicherheit gewinnen wir nicht, in dem wir das Problem schnell aus der Welt schaffen, es irgendwo vergraben, sondern erstmal nur, indem wir es nicht verdrängen und uns damit beschäftigen.
Edgar Hagen ist Autor und Filmemacher und lebt in Basel. Sein Kinodokumentarfilm Die Reise zum sichersten Ort der Erde (100 Minuten, 2013) erzählt die Geschichte der inzwischen fast 40-jährigen weltweiten Suche nach Endlagern für hochradioaktiven Atommüll, die bis heute weitgehend ergebnislos ist. Für den Film hat er während des Castortransports im November 2011 auch im Wendland gedreht.

Anlässlich der Premiere des Films am Internationalen Dokumentarfilmfestival DokLeipzig am 31. Oktober 2013 schrieb die Kuratorin Grit Lemke:

„Hagen blickt in die Abgründe einer geistig kranken Gesellschaft. Jener, die an eine sich zunehmend als unbeherrschbar erweisende Technologie glaubt und sie wider besseres Wissen fördert. Denn angeblich gibt es ihn, den sichersten Ort der Welt, an dem todbringender Atommüll über Hunderttausende von Jahren unschädlich gelagert werden kann.
In der Tradition des mittelalterlichen Schelms stellt Hagen sich dumm und möchte ihn sehen, diesen Ort. Er reist dazu um die ganze Welt, von der Schweiz nach Großbritannien, Deutschland, Schweden, China, Japan, in die USA, nach Australien und wieder zurück. Er schippert über Meere, durchquert Wüsten, stapft durch Wälder und Moore, erkundet das Innere von Bergen. Immer unwirklicher werden die Szenerien, immer weiter weg rückt der Gral. Hagen trifft Geologen und Atomlobbyisten, Umweltaktivisten, Stammesführer und Lokalpolitiker. Überzeugt von der Sache die einen, zweifelnd die anderen. Dabei ist immer viel von ,Nachweisen‘ und ,grundsätzlicher Machbarkeit‘ die Rede. Doch er fragt nach, scheinbar naiv. Mit dieser Erzählhaltung gelingt es ihm, sämtliche Rechtfertigungsstrategien der Atomindustrie geschickt als Konstrukt zu entlarven – in dem es schon lange nicht mehr um technische Möglichkeiten geht, sondern nur noch darum, das Unmögliche gut zu verkaufen. Ein Film über den Wahnsinn.“

Quelle: Gorleben-Rundschau Mai/Juni 2015

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