IPPNW fordert Atomausstieg in Europa

IPPNW-Pressemitteilung vom 22.12.2015

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Störfälle in den Atomkraftwerken Tihange und Leningrad

Anlässlich der jüngsten Ereignisse im belgischen Atomkraftwerk Tihange und im russischen Atomreaktor Leningrad bei Sosnowy Bor fordert die Ärzteorganisation IPPNW die deutsche Bundesregierung zum Schutz der Bevölkerung auf, auf europäischer Ebene Initiativen für einen umfassenden Atomausstieg in Europa zu ergreifen. Der belgische Atommeiler Tihange-1 hatte sich am 18. Dezember 2015 nach einem Brand „in einer Schalttafel im nicht-nuklearen Bereich des Geländes“ automatisch abgeschaltet. Ebenfalls am 18. Dezember kam es in Block 2 des russischen Atomkraftwerks Leningrad offenbar zu einem Kühlwasserverlust-Störfall mit der Freisetzung von Dampf aus dem Kühlkreislauf.

Die IPPNW kritisiert die völlig unzulängliche und verharmlosende Informationspolitik über solche Vorkommnisse in Atomkraftwerken. „In der öffentlichen Kommunikation ist es üblich geworden, von Problemen in einem nicht-nuklearen Bereich zu sprechen. Damit wird suggeriert, der Vorfall wäre halb so schlimm“, so IPPNW-Atomexperte Henrik Paulitz. „Tatsächlich aber hängen die verschiedenen Systeme in einem Atomkraftwerk eng miteinander zusammen und Störungen im so genannten nicht-nuklearen Bereich zählen selbstverständlich zu den Faktoren, die einen schweren Kernschmelz-Unfall auslösen können. Der Umstand, dass es in Tihange zu einer automatischen Abschaltung des Reaktors kam, beweist, dass der Brand gefährliche Rückwirkungen auf den nuklearen Teil der Anlage hatte. Schutzsysteme wie automatische Abschaltungen werden schließlich aktiviert, um einen Atomunfall zu verhindern.“

Ebenso zählen auch „Kühlmittel-Verluststörfälle“ wie jetzt im Atomreaktor Leningrad zu den möglichen Auslösern eines Kernschmelz-Unfalls. „Dabei können in Atomkraftwerken kleinere Lecks sogar eine größere Gefahr darstellen als größere Lecks, für die man die Anlagen primär ausgelegt hatte“, so Paulitz. „Was sich in den beiden Atomkraftwerken genau abgespielt hat, erfährt die Öffentlichkeit nicht, so dass eine Beurteilung der tatsächlichen Gefährlichkeit dieser Ereignisse unmöglich gemacht wird.“ Diese Form der Geheimhaltungspolitik ist nach Auffassung der IPPNW nicht akzeptabel. Die Bevölkerungen Europas haben ein Recht auf umfassende Informationen über Störfälle in Atomkraftwerken.

„Wenn alles so harmlos wäre, wie behauptet, dann wäre auch die Praxis der Geheimhaltung nicht derart ausgeprägt“, so Paulitz. „Über jeden Verkehrsunfall gibt es einen Ablaufbericht, während bei Atomkraftwerken die Betreiber selbst den Aufsichtsbehörden nur knappe Informationen weitergeben, die wenig aufschlussreich sind. Eine kritische Atomaufsicht wird so praktisch kaum möglich. Die Atomindustrie selbst entscheidet faktisch selbst, welche Informationen weitergegeben werden und welche nicht. Noch größere Lücken weist der länderübergreifende Informationsaustausch auf.“

Die beiden aktuellen Ereignisse in Belgien und Russland zeigen neben vielen anderen Vorkommnissen in den vergangenen Jahren, dass in Europa jederzeit ein zweites Tschernobyl möglich ist. Noch heute leiden viele Menschen gesundheitlich unter den Folgen von Tschernobyl. „Die Tatsache, dass der einzelne Krebsfall kein Herkunftssiegel trägt und sich nie sicher auf ein einziges Ereignis zurückführen lässt, sollte nicht darüber hinweg täuschen,  dass die Atomkatastrophe von Tschernobyl Millionen von Menschen in Europa erhöhten Strahlenwerten ausgesetzt und damit ihr Erkrankungsrisiko erhöht hat. Bis heute sind Böden in weiten Teilen Europas noch immer mit radioaktivem Cäsium kontaminiert“, erklärt der stellvertretende IPPNW-Vorsitzende Alex Rosen.

Vor diesem Hintergrund muss nach Auffassung der IPPNW alles getan werden, um eine weitere Atomkatastrophe in Europa zu verhindern. Um über die Gefahren der Atomenergie und die Auswirkungen von Atomkatastrophen auf Mensch und Umwelt aufzuklären, und Alternativen aufzuzeigen , veranstaltet die IPPNW vom 26.-28. Februar 2016 einen internationalen Kongress „5 Jahre Leben mit Fukushima – 30 Jahre Leben mit Tschernobyl“. Weitere Informationen unter http://www.tschernobylkongress.de/

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